Wie dein Gehirn deine Realität erschafft

Unser Gehirn. Mit seinen Milliarden von Nervenzellen wiegt es gerade einmal etwa 1,4 Kilogramm. Das entspricht je nach Gewicht des Menschen ca. zwei Prozent des Körpergewichts. Auch der Energiebedarf ist nicht zu verachten. Damit unser Gehirn täglich auf Hochtouren laufen kann, verbraucht es ca. 20 Prozent sämtlicher Energie, die uns zur Verfügung steht. Damit hat es fast einen doppelt so hohen Energieverbrauch wie unser Herz.

Die Neuronen, die alle neuroelektrischen und neurochemischen Signal aufnehmen und verarbeiten, verteilen sich über eine Strecke von 100 Kilometer. Das alles sind schon recht beeindruckende Zahlen von dem Organ, was uns scheinbar vorgibt, was zu tun ist.

Die Wahrnehmungen unseres Gehirns

Das Gehirn ist unser zentrales Denk- und Steuerelement, das uns sicher und zuverlässig durch das Leben führt. Bedingungslos vertrauen wir auf unseren „Kopf“, schließlich belügen wir uns ja nicht selbst. Das sollte man zumindest meinen. Doch ist das auch tatsächlich so? Schauen wir uns das mal etwas genauer an.

Die Haupttätigkeit unseres Gehirns: Es erschafft unsere Welt. Es verarbeitet alle Signale, die es von unseren Sinnen erhält. In jedem Moment hat es nichts anderes zu tun, als das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten zu interpretieren und daraus für uns eine Realität zu erschaffen, in der wir uns jeden Tag bewegen. Doch lobhudeln wir unser Gehirn dabei mal nicht zu sehr. Denn während es unermüdlich unsere Welt erschafft, ist es dabei alles andere als Aufrichtig zu uns. Im Gegenteil, es lügt uns an wie gedruckt. Ihr glaubt mir nicht? Dann urteilt selbst…

Machen wir doch einmal einen Test: Schließe einmal ein Auge. Du solltest jetzt ein Loch, einen schwarzen Fleck auf dieser Webseite hier sehen. Diesen Fleck hat jeder auf seiner Netzhaut. Er ist physisch und ganz real da – bei jedem Menschen. Und dennoch siehst du ihn nicht, wenn du ein Auge schließt. Warum ist das so? Dein Gehirn blendet ihn einfach aus, damit deine Welt so schöner anzusehen ist.

Tja, da wurde die Wahrheit zugunsten deiner persönlichen Realität gerade etwas schöngefärbt. Noch ein Beispiel gefällig?

Ein Experiment des US-Psychologen und Augenarzt Adelbert Ames (auch bekannt unter dem Namen Ames-Experiment) bewies bereits 1946, wie einfach unser Gehirn sich betrügen lässt. Dabei bewegen sich Menschen in einem scheinbar normalen Raum von einer Ecke in die andere und verändern dabei ihre Größe. Während sie von einer Ecke in die andere gehen, scheinen sie zu Riesen zu werden bzw. beim zurückgehen wieder zu Zwergen zu werden.

Möglich wird diese optische Täuschung dadurch, dass der Raum trapezförmig verzerrt wurde – also völlig schief gebaut wurde.

Bei diesem Experiment muss ich immer an die Leute denken, die selbstbewusst durch die Welt posaunen „Ich glaube nur, was ich sehe“. Nun ja …

Unterschiedliche Wahrnehmungen von Menschen und Tieren

Wusstet ihr zum Beispiel, dass es in Wirklichkeit keine Farben gibt? Es ist unser Gehirn, dass die Farben durch die Hilfe unserer Augen erschaffen hat. Der sehr komplexe Aufbau unserer Augen schafft es, unserem Gehirn Signale zu senden, die dann als Farbe interpretiert werden. Faszinierend. Aber das bedeutet auch, dass dies eigentlich nur eine Illusion ist. Betrachtet man das Ganze einmal Objektiv, dann gibt es eben keine Farbe. Erst unser Gehirn bringt Farbe in unser Leben.

Auch interessant dabei ist, dass es zwischen Menschen und Tiere dabei erhebliche Unterschiede gibt. So nehmen Tiere wesentlich mehr Farben als Menschen wahr. Vögel, Fische oder Eidechsen sehen zum Beispiel ultraviolette Strahlung. Bei einem anderen Sinnesorgan, dem Ohr, ist es auch nicht anders. Katzen hören viel besser als wir Menschen.

Ich denke, du merkst worauf ich hinaus will. Tiere nehmen die Welt ganz anders war als wir Menschen. Auch von Tier zu Tier und von Mensch zu Mensch gibt es nochmal Unterschiede. Die Wahrnehmung ist jedes Mal anders. Und das, obwohl wir uns im gleichen Raum zur gleichen Zeit befinden.



Das Gehirn passt die Wirklichkeit deiner Realität an

Wenn also deine Realität und deine Gefühle durch die Wahrnehmung deiner Augen schon so leicht getäuscht werden kann, wie verhält es sich dann mit deiner Gedankenwelt. Wie viele deiner Gedanken sind wohl Realität? Und wie viele auch nur eine Fantasie?

Du siehst, man kann seinem Gehirn nicht wirklich trauen. Es gaukelt dir ständig Dinge vor, die in Wirklichkeit eben ganz anders sind. Dabei meint es unser Gehirn eigentlich nur gut mit uns. Es ist ständig bemüht, für uns eine intakte Welt zu schaffen. Und was dabei nicht passt, das wird kurzerhand passend gemacht.

Es ist schon faszinierend, wie einfach unser Auge und das Gehirn dafür sorgen, dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie tatsächlich ist, sondern so, wie es unser Gehirn für richtig hält.

Natürlich ist dies auch eine Schutzfunktion. Denn bei der Masse an Signalen und Informationen, die auf uns einprasseln, sorgt das Gehirn so dafür, dass wir durch die Reizüberflutung nicht wahnsinnig werden. Somit sollte uns allen aber auch bewusst sein, dass das was wir als unsere Realität wahrnehmen, nichts mit der Wahrheit zu tun hat und von jedem anderen Menschen auch anders gesehen und wahrgenommen werden kann.

Wie der Kinofilm zur Realität wird

Film oder Realität? Für das Gehirn macht dies überhaupt keinen Unterschied. Hast du dir schon tausende von Filmen angesehen, kannst du ruhigen Gewissens behaupten, dass du bereits viel erlebt hast. Denn es kennt keinen Unterschied zwischen dem Fernseher und der Realität. Für das Gehirn zählt nur: Gesehen ist gesehen und damit erlebt.

Aber eigentlich weißt du ja, dass das, was du da gerade im Fernsehen gesehen hast, nicht in Wirklichkeit passiert ist. Oder? Nun ja, denk mal nach, es ist schon gerade direkt vor deiner Nase passiert. Merkst du was? Wo beginnt die Realität? Und wo endet sie?

Doch es geht noch weiter – schließe einmal deine Augen und stelle dir vor, wie du an einem weißen Sandstrand entlangläufst. Links von dir ist das türkisfarbene, glasklare Wasser, darüber ein strahlend blauer Himmel mit weißen Wolken, rechts von dir Palmen, eine Strandbar, in der Reggae Musik von Bob Marley läuft. Schon produziert dein Gehirn einen wunderbar entspannenden Film für dich. Wunderbar – sofort ändert sich auch deine Gefühlslage. Freude kommt auf, Wohlbehagen, vielleicht Sehnsucht. Und das, obwohl du gerade überall bist, nur nicht dort.  

Die Wahrnehmung wird zur Emotion

Doch ganz egal, ob es sich jetzt um die Realität, einen Film oder deine Vorstellung handelt – die direkte Folge davon ist, dass dein Gehirn für die Ausschüttung von Hormonen sorgt, die wiederum in dir Gefühle, wie z.B. Liebe, Ekel, Traurigkeit oder auch Angst, auslösen. So bekommen wir z.B. bei einem Horrorfilm Angst bis hin zur Panik. Obwohl wir genau wissen, dass es „ja nur ein Film“ ist. Obwohl wir ja jetzt wissen, dass es vielleicht gar nicht „nur“ ein Film ist, sondern ja für uns als Realität erscheint.

Am Ende bleibt also die Erkenntnis, dass man sein Gefühlserleben relativ einfach manipulieren kann, wenn man sich der Mechanismen dahinter bewusst ist. Unbewusst tun wir das jeden Tag. Man muss sich nur in die ein oder andere Situation bringen und schon sorgt das Gehirn mit seiner Interpretation und den chemisch-biologischen Vorgängen im Körper dafür, dass man sich vor Lachen schüttelt, vor Angst bibbert oder rosarote Herzchen durchs Wohnzimmer fliegen.

All das ist, wie wir ja jetzt wissen, allerdings sehr relativ. Versuche doch einmal, dieses „Unbewusste“ dabei zu erwischen, wie es dich auf die nächste emotionale Achterbahnfahrt schicken möchte. Genau da fängt Achtsamkeit an, der du deshalb auch in deinem Leben etwas mehr Bedeutung schenken solltest.

So bleibt mir jetzt zum Ende dieses Artikels nur die Feststellung, dass letztlich unser Gehirn zusammen mit unseren Sinnesorganen unsere Realität so zeichnet, wie es das haben möchte. Gleichsam wird unser Gehirn durch eine ständige Gedankenflut beeinflusst, die wiederum unsere Gefühle und Emotionen steuern. Nicht berücksichtigt habe ich dabei noch die Rolle unseres Verstandes und unseres Herzens, was ich aber in einem späteren Artikel noch tun werde. Läuft also so einiges zusammen da oben. Eigentlich ist es fast schon ein Wunder, dass es da so selten zu Kurzschlussreaktionen kommt.

Bleibt also noch eine Frage zum Schluss: Was davon kontrollierst DU? Meine Antwort darauf hast du ja bestimmt schon in meinem Artikel „Freier Wille – ja oder nein“ gelesen.